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Teures Benzin und Heizöl zwingen zu einem Blick in die Zukunft

Am Ende des Öls

Teures Benzin und Heizöl zwingen zu einem Blick in die Zukunft: Wie viel Öl wird künftig zu welchem Preis zu haben sein? Welche Folgen hat dies für die Wirtschaft und die Gesellschaft?

(18. Dezember 2012) Noch nie war Heizöl so teuer wie derzeit: Ein Liter schlägt mit knapp einem Euro zu Buche. Auch Erdgas und Benzin sind so teuer wie nie zuvor. Erdöl und Erdgas sind endliche Ressourcen. Seit der Förderhöhepunkt für konventionelles Erdöl 2006 überschritten wurde, geht die Förderung zurück. Gleichzeitig wächst weltweit der Verbrauch an Erdöl und Gas. Verbraucher stellen sich die bange Frage, wie die weitere Entwicklung aussieht. Wie werden sich die Ölpreise angesichts weltweit sinkender Produktion und steigender Nachfrage entwickeln? Und welche Auswirkungen hat das auf unsere Wirtschaft insgesamt und auf die Weltwirtschaft?

Simulationsrechnungen zeigen, dass die Weltwirtschaft es durchaus verkraftet, wenn die Ölförderung weltweit jährlich immer langsamer zunimmt. Dramatische Folgen hätte jedoch ein Rückgang der Ölförderung. Auch wenn die Ölknappheit nicht langsam steigen sondern schockartig zunimmt, dann sind die weltweiten wirtschaftlichen Folgen verheerend. Der Internationale Währungsfonds IWF empfiehlt daher der Politik, sich auf unerwartete Ölknappheit einzustellen und das Risiko einer weltweiten Ölverknappung zu senken.

Öl regiert die Welt

Öl ist weltweit ein Schlüsselfaktor der Wirtschaft. Öl ist das meistgehandelte Gut und macht zehn Prozent des weltweit gehandelten Gütervolumens aus. Änderung der Ölmärkte haben deshalb direkte Folgen für Wachstum, Inflation, Handelsbilanz und Armut weltweit. Öl deckt 33 Prozent des Weltenergiebedarfs. Im Transportsektor (Güterverkehr, Schiffsverkehr, Flugverkehr, Personentransport) ist es kaum und nur langfristig ersetzbar. Aufgrund seiner einzigartigen physikalischen Eigenschaften wie hohe Energiedichte, leichter Lager- und Transportfähigkeit lässt sich das „schwarze Gold“ nur begrenzt durch andere Stoffe ersetzen. Aber auch die Petrochemie kommt nicht ohne Öl aus.

Übersteigt die weltweite Ölnachfrage das Angebot, kommt es zu einer Verknappung. Die Preise steigen. Das hat zur Folge, dass sich einerseits das Angebot ausweitet, etwa weil neue Lagerstätten erschlossen werden, und andererseits die Nachfrage sinkt. Der Preis steigt so lange, bis Angebot und Nachfrage wieder im Gleichgewicht sind.

337 Weltweite Ölförderung

Der weltweite Energiehunger wächst rasch. Eine besondere Bedeutung kommt dabei China zu: Schon heute ist es das Land mit dem höchsten Energieverbrauch. Chinas Energiehunger wird sich bis 2017 verdoppeln und bis 2025 verdreifachen. Die Nachfrage steigt also stetig. Welche Folgen hat das für die Ölpreise?

Teuer ist nicht unbezahlbar

Der IWF hat untersucht, in welchem Ausmaß steigende Ölpreise die Nachfrage nach dem schwarzen Gold reduzieren. Das niederschmetternde Ergebnis lautet: Die Nachfrage bleibt selbst bei steigenden Preisen fast unverändert: Steigen die Preise um zehn Prozent, reduziert sich die Nachfrage um gerade mal 0,2 Prozent. Selbst eine Verdopplung der Preise drosselt den Ölhunger um nur zwei Prozent. Ökonomen sprechen von einer Elastizität von -0,02. Über längere Zeiträume betrachtet liegt diese Elastizität viermal höher (-0,7).

Diese Zahlen verraten, dass die Ölpreise erst sehr dramatisch ansteigen müssen, bevor die Nachfrage spürbar sinkt. Mit anderen Worten: Öl muss weltweit erst unbezahlbar teuer werden, bevor die Nachfrage so weit abnimmt, dass das verfügbare Öl für alle ausreicht, die diesen hohen Preis bezahlen wollen und können. Für Nicht-OECD-Länder liegt die Elastizität noch geringer: Sie sind noch weniger in der Lage, ohne Öl auszukommen.

Wachstum lässt Preise klettern

Auch steigende Einkommen lassen den Ölverbrauch klettern. Für diesen Faktor beträgt die Elastizität 0,68: Ein kurzfristiger Einkommenszuwachs um ein Prozent lässt den Ölverbrauch um 0,68 Prozent steigen. Umgekehrt sinkt die Ölnachfrage bei geringerem Einkommen.

Bis 2015 prognostiziert die Prognose des Weltwährungsfonds (IWF) weltweit ein durchschnittliches jährliches Wirtschaftswachstum von 4,6 Prozent – was die Nachfrage nach Öl entsprechend ausweitet. Daraus folgert der IWF, dass nur substanzielle Preissteigerungen die Ölmärkte ins Gleichgewicht bringen können.

337 Prognosen der Weltölförderung durch die US-Regierung (EIA)

Peak Oil oder Ausweitung?

Zur Ölverfügbarkeit in der Zukunft herrschen zwei unterschiedliche Auffassungen. Die traditionelle Sicht ist davon überzeugt, dass höhere Ölpreise dazu führen, dass neue Lagerstätten intensiver erschlossen werden und verbesserte Technik vorhandene Ölfelder effizienter nutzen können.

Die Vertreter der „Peak-Oil-These“ dagegen meinen, dass auch mehr Geld nicht mehr Öl verfügbar machen kann. Sie gehen von einem raschen Rückgang der Ölförderung nach dem Höhepunkt der konventionellen Ölförderung im Jahr 2006 aus.

Ein Blick auf die Entwicklung der weltweiten Ölförderung sorgt für Ernüchterung: Die weltweite Ölförderung ist zwar ständig gewachsen. Jedoch reduzierte sich das jährliche Förderwachstum dramatisch zwischen 1965 und 2005 in drei Schritten sehr deutlich. Und: Nach 2005 brach die weltweite Förderung sogar ein. Die US-amerikanische Energy Information Agency hat deshalb seit 2001 laufend ihre Prognosen nach unten korrigieren müssen.

Fakt ist, dass die Ölpreise seit 2000 schnell steigen. Trotzdem schlägt sich dies nicht in einer Erhöhung der Ölförderung nieder. Stattdessen haben sich die vorhergesagten Förderrückgänge bewahrheitet, wenn es auch etwas länger gedauert hat, als die Peak-Oil-Vertreter prognostiziert hatten.

Eine Gruppe von IWF-Wissenschaftlern hat in einer Modellberechnung beide Perspektiven berücksichtigt. Ergebnis: In den kommenden zehn Jahren steigt die Ölförderung weltweit um drei bis zehn Prozent, während sich die Preise verdoppeln (Jaromir Benes et. al, 2012: The Future of Oil: Geology versus Technology, IMF Working Paper 12/109).

337 Rohölpreise 1973 – 2011

Zwölf Preisschocks

Die Entwicklung der Ölpreise seit 2000 deutet auf eine wachsende weltweite Verknappung hin (siehe Grafik): Einerseits wächst die Nachfrage, andererseits steigen die Ölförderungen kaum noch. Wenn diese Spannungen größer werden, sei es durch stärkere Nachfrage oder Versorgungsengpässe, dann sind Ölpreissprünge wie 2007/2008 nicht auszuschließen.

Der amerikanische Wissenschaftler James Hamilton hat die Folgen solcher sprunghaften Ölpreissteigerungen der Vergangenheit untersucht (James Hamilton, 2011: National Bureau of Economic Research, Working Paper: Historical Oil Shocks, Working Paper 167790). Er zählte zwölf Ölpreisschocks seit 1947 auf und beobachtete, dass jeder Preisschock eine wirtschaftliche Rezession nach sich zog. Dabei lagen die Produktionsverluste weitaus höher als der Wert der fehlenden Energie: Wenn Verbraucher plötzlich mehr für Energie ausgeben müssen, dann sinken ihre Ausgaben für andere Güter entsprechend. Dieser Effekt wird durch einen Multiplikator verstärkt.

Gezielte Steuern helfen

Offensichtlich reagieren weder die Ölförderung noch die Nachfrage angemessen auf Preisänderungen. Das wird die weltweite Ölverknappung weiter anfachen. Viele Länder mildern die Folgen steigender Ölpreise durch Subventionen für die Bevölkerung. Dabei droht jedoch ein rascher Ruin der Staatsfinanzen, ohne dass diese Investition die Bürger vor künftigen Preissprüngen schützen könnte. Der IWF schlägt daher kosteneffiziente, zielgerichtete Hilfsstrategien vor. Höhere Steuern auf Öl beispielsweise helfen dabei, den Wandel weg vom Öl zu beschleunigen: Die Steuern nehmen Preissprünge vorweg und finanzieren Umstellungsstrategien. Insgesamt empfiehlt der IWF eine stärkere internationale Kooperation, um den Gefahren durch weltweite Ölverknappung wirksam zu begegnen.

letzte Änderung: 23.03.2018